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Weniger Stress bei Zuchtfischen?

Eine neue Studie zum Stressverhalten von Karpfen und Lachsen

Stress ist nicht nur bei Menschen ein Thema. Auch Tiere reagieren auf Umweltveränderungen, Konkurrenz, Nahrungsschwankungen oder Bedrohungen mit Stressreaktionen. Während akuter Stress überlebenswichtig sein kann, kann chronischer Stress das Wohlbefinden und die Gesundheit von Tieren erheblich beeinträchtigen. Eine aktuelle Studie von Ghazal und Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht im Fachjournal PLOS ONE (2025), hat untersucht, inwiefern Domestizierung mit chronischen Stressniveaus bei Fischen zusammenhängt.

Stressmessung über Schuppen

Um Stress langfristig zu erfassen, nutzten die Forschenden Schuppen als Biomarker. Anders als Blutproben, die nur akute Veränderungen widerspiegeln, speichern Schuppen das Stresshormon Kortisol über mehrere Wochen. Diese Methode erlaubt es, einen Einblick in die chronische Belastung von Tieren zu gewinnen, ohne dass die Messung selbst durch die Probenahme gestört wird.

Vergleich von domestizierten und wildlebenden Fischen

Die Studie betrachtete zwei wirtschaftlich und ökologisch bedeutende Arten: den Karpfen (Cyprinus carpio) und den Atlantischen Lachs (Salmo salar).

  • Bei den Karpfen wurden Schuppen aus fünf Teichfischereien, in denen Fische regelmäßig gefangen und wieder freigelassen werden, mit Schuppen von wildlebenden Populationen verglichen. Insgesamt wurden 364 Individuen untersucht.
  • Bei den Lachsen stammten die Proben von Wildfischen aus einem Fluss in Nordwestengland und von Zuchtfischen aus der Aquakultur in Schottland.

In beiden Fällen zeigte sich ein klares Muster: Die domestizierten Fische wiesen durchweg niedrigere Kortisolkonzentrationen in den Schuppen auf als die wildlebenden Vergleichsgruppen. Während die domestizierten Tiere relativ einheitliche Werte hatten, variierten die Werte bei den Wildfischen deutlich stärker. Einzelne Wildfische erreichten extrem hohe Kortisolwerte, die in den Teich- oder Zuchtpopulationen nicht vorkamen.

Karpfen domestiziert: 3,36 ± 0,31 pg/mg
Karpfen wild: 32,16 ± 7,31 pg/mg
Lachs domestiziert: 14,55 ± 2,26 pg/mg
Lachs wild: 76,31 ± 47,28 pg/mg

Mögliche Ursachen für die Unterschiede

Die Autorinnen und Autoren führen zwei Hauptursachen an. Zum einen spielt die Domestizierung selbst eine Rolle. In Teichwirtschaft und Aquakultur werden über Generationen hinweg Tiere selektiert, die besonders gut wachsen und widerstandsfähig gegenüber Krankheiten und Stress sind. Diese genetische Selektion kann dazu führen, dass die Tiere weniger stark auf Umweltstressoren reagieren.

Zum anderen sind die Lebensbedingungen in Teichen und Aquakulturanlagen meist homogener und vorhersehbarer. Futter wird regelmäßig bereitgestellt, das Risiko durch Fressfeinde ist praktisch ausgeschlossen, und die Umweltbedingungen sind relativ stabil. In freier Wildbahn dagegen schwanken Nahrungsverfügbarkeit, Temperatur und andere Faktoren stark, zusätzlich besteht ständiger Druck durch Prädatoren. Diese Unterschiede können erklären, warum Wildfische höhere und variablere Stresslevel aufweisen.

Stress als Anpassung

Ein wichtiger Punkt der Studie ist die Einordnung erhöhter Kortisolwerte bei Wildtieren. Diese müssen nicht zwangsläufig als pathologisch oder negativ bewertet werden. Vielmehr kann erhöhter Stress in der Natur auch adaptive Funktionen erfüllen, etwa die Mobilisierung von Energiereserven für Wanderungen, die Verteidigung von Territorien oder die erfolgreiche Fortpflanzung. Die Interpretation von Stresswerten erfordert daher immer den Kontext.

Bedeutung für Tierwohl und Forschung

Die Ergebnisse legen nahe, dass domestizierte Fische im Durchschnitt eine geringere chronische Stressbelastung haben. Für das Tierwohl in Aquakultur und in Teichfischereien ist dies eine positive Nachricht, da geringere Stresslevel mit besserem Gesundheitszustand und höherer Widerstandsfähigkeit verbunden sein können.

Gleichzeitig zeigt die Studie das Potenzial von Schuppen-Kortisol als Instrument in der Tierwohlforschung. Durch diese Methode können langfristige Belastungen erfasst werden, ohne dass invasive Verfahren notwendig sind. Für die Forschung eröffnen sich damit neue Möglichkeiten, den Einfluss von Umwelt, Zucht und Haltungsbedingungen auf Tiere systematisch zu untersuchen.

Fazit

Die Studie von Ghazal et al. liefert einen klaren Befund: Domestizierte Karpfen und Atlantische Lachse zeigen niedrigere und weniger variable chronische Stresslevel als ihre wildlebenden Artgenossen. Die Unterschiede sind vermutlich sowohl auf genetische Anpassungen durch Zucht als auch auf die stabileren Umweltbedingungen in Teichen und Aquakultur zurückzuführen. Gleichzeitig erinnern die Ergebnisse daran, dass erhöhter Stress in der Natur auch Teil funktionaler Anpassungen sein kann. Für die Fischerei und Aquakultur liefern die Befunde wichtige Hinweise auf das Tierwohl, für die Wissenschaft eröffnen sie neue Wege zur Erforschung der Rolle von Stress in der Evolution und im Management von Tierpopulationen.

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